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Aber
Zuerst habe ich mich
verliebt
in den Glanz deiner Augen
in dein Lachen
in deine Lebensfreude
Jetzt liebe ich auch
dein Weinen
und deine Lebensangst
und die Hilflosigkeit
in deinen Augen
Aber gegen die Angst
will ich dir helfen
denn meine Lebensfreude
ist noch immer der Glanz deiner Augen
Dich
Dich nicht näher
denken
und dich nicht weiter denken
dich denken wo du bist
weil du dort wirklich bist
Dich nicht älter denken
und dich nicht jünger denken
nicht größer nicht kleiner
nicht hitziger und nicht kälter
Dich denken und mich nach dir sehnen
dich sehen wollen
und dich liebhaben
so wie du wirklich bist
Ein Versuch
Ich hab versucht
zu versuchen
während ich arbeiten muss
an meine Arbeit zu denken
und nicht an dich
Und ich bin glücklich
dass der Versuch
nicht geglückt ist
Halten
Halten
das heißt
Nicht weiter - nicht näher - nicht einen Schritt
oder heißt Schritthalten
ein Versprechen - mein Wort
oder Rückschau
Halten
dich
mich zurück - den Atem an - mich an dich
dich fest
aber nicht
dir etwas vorenthalten
Halten
dich in den Armen
in Gedanken - im Traum - im Wachen
Dich hochhalten
gegen das Dunkel
Inschrift
Sag in was
schneide ich
deinen Namen?
In den Himmel?
Der ist zu hoch
In die Wolken?
Die sind zu flüchtig
In den Baum
der gefällt und verbrannt wird?
Ins Wasser
das alles fortschwemmt?
In die Erde
die man zertritt
und in der nur
die Toten liegen?
Sag
in was
schneide ich
deinen Namen?
In mich
und in mich
und immer tiefer
in mich
Meine Wahl
Gesetzt ich verliere
Dich
und habe dann zu entscheiden
ob ich Dich noch ein Mal sehe
und ich weiß:
Das nächste Mal
bringst Du mir zehnmal mehr Unglück
und zehnmal weniger Glück
Was würde ich
wählen?
Ich wäre sinnlos
vor Glück
Dich wiederzusehen
Nachtgedicht
Dich bedecken
nicht mit Küssen
nur einfach
mit Deiner Decke
(die Dir
von der Schulter
geglitten ist)
daß Du
im Schlaf nicht frierst
Später
wenn Du
erwacht bist
das Fenster zumachen
und Dich umarmen
und Dich bedecken
mit Küssen
und Dich
entdecken
Ohne Dich
Nicht nichts
ohne dich
aber nicht dasselbe.
Nicht nichts
ohne dich
aber vielleicht weniger.
Nicht nichts
aber weniger
und weniger.
Vielleicht nicht nichts
ohne dich
aber nicht viel mehr.
Trennung
Der erste Tag war leicht
der zweite Tag war schwerer
Der dritte Tag war schwerer als der zweite
Von Tag zu Tag schwerer
Der siebente Tag war so schwer
dass es schien er sei nicht zu ertragen
Nach diesem siebenten Tag
sehne ich mich
schon zurück
Wollen
Bei dir sein wollen
mitten aus dem was man tut
weg sein wollen
bei dir verschwunden sein
Nichts als bei dir
näher als Hand an Hand
enger als Mund an Mund
bei dir sein wollen
In dir zärtlich
zu dir sein
dich küssen von außen
und dich streicheln von innen
so und so und auch anders
Und dich einatmen wollen
immer nur einatmen wollen
tiefer tiefer
und ohne Ausatmen trinken
Aber zwischendurch
Abstand suchen
um dich sehen zu können
aus ein zwei Handbreit Entfernung
und dann dich weiterküssen!
Sehen
dass nur du bist
wenn du alles bist
was du bist
das Zarte
und das Wilde
das was sich anschmiegen
und das was sich losreissen will
Wer nur die Hälfte liebt
der liebt dich nicht halb
sondern gar nicht
der will dich zurecht schneiden
amputieren verstümmeln
Dich dich sein lassen
ob das schwer oder leicht ist?
Es kommt nicht darauf an mit wie viel
Vorbedacht und Verstand
sondern mit wie viel Liebe und mit wie viel
offener Sehnsucht nach allem -
nach allem was du bist
Nach der Wärme
und nach der Kälte
nach der Güte
und nach dem Starrsinn
nach deinem Willen
und Unwillen
nach jeder deiner Gebärden
nach deiner Ungebärdigkeit
Unstetigkeit
Stetigkeit
Dann ist dieses
dich dich sein lassen
vielleicht
gar nicht so schwer
Was es ist
Es ist Unsinn
sagt die Vernunft
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist Unglück
sagt die Berechnung
Es ist nichts als Schmerz
sagt die Angst
Es ist aussichtslos
sagt die Einsicht
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Es ist lächerlich
sagt der Stolz
Es ist leichtsinnig
sagt die Vorsicht
Es ist unmöglich
sagt die Erfahrung
Es ist was es ist
sagt die Liebe
Ausbrechen
Ausbrechen
aus den Wirklichkeitsverhauen
Aus allen besseren Ständen
und Unterständen
Aus allen höheren Stellungen
und tieferen Unterstellungen
Hassschatten und Alltagsfallen
Durch das Sperrfeuer
der Gleichgültigkeiten
zu dir
zu dir
(Quelle: Erich Fried "Liebesgedichte", Berlin
1995)